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Viele global Villages

Die Klagen über die amerikanische Dominierung des Netzes oder darüber, daß das Net die Amerikanisierung der Welt und die Dominanz des Englischen vorantreibe, sind leiser geworden. Mit gutem Grund: Inzwischen stellt sich für die Angehörigen der größeren Sprachengemeinschaften, selbst wenn sie gar kein Englisch können, "ihr" Internet unbegrenzt und unerschöpflich dar. Und spätestens im Jahr 2000 wird - nach amerikanischer Hochrechnung - die Zahl der nicht-amerikanischen User die der Nordamerikaner im Netz übersteigen.

Die Zahlen sind beeindruckend: etwa 7 Millionen Haushalte in Deutschland verfügen, so hat es die Burda-Stiftung ermittelt, bereits über einen Webzugang, bis Ende diesen Jahres sollen drei weitere Millionen dazu kommen. Das amerikanische Euro-Marketing Associates-Institut (www.euromktg.com/globstats/) gab für Herbst 1998 die Zahl der Net-User, die bevorzugt deutschsprachige Angebote wahrnehmen, mit 12,5 Millionen an; in dieser Zahl stecken nicht nur die etwa entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil vertretenen Österreicher und Deutschschweizer, sondern auch über eine halbe Million Nordamerikaner, die nach Feierabend deutsch sprechen.

Die deutsche Netz-Zentrale Denic (www.nic.de) verwaltet über 250 000 de-Domains, die ein Vielfaches von deutschen Websites beherbergen - großenteils kommerziell genutzte. Aber allein unter der domain t-online.de werden an die 150 000 Homepages betrieben, die überwiegend in privater Hand sind. Bei AOL und Compuserve, Geocities und Xoom stehen zusammengenommen mindestens noch einmal so viele im Netz, alles in allem sicher weit über eine Viertel Million, die Einwohnerzahl einer veritabl Großstadt. Für das spanische und das französische Internet lassen sich vergleichbare Entwicklungen ausmachen, Italien und Japan ziehen nach, Rußland und China sind nur eine Frage der Zeit.

Das "deutsche" Internet hat inzwischen eine kritische Größe erreicht, in der jedes Angebot seine Interessenten findet: Produkte ihre Käufer, Künstler ihre Kritiker, Sammler ihre Tauschpartner und Redner ihre Gegenredner, und wären es auch nur drei: je einer in Hamburg, München und Dresden, die sich nie getroffen hätten, gäbe es nicht das Netz. Wir bekommen nicht das "global village", von dem die Pioniere des Netzes träumten, sondern eine fraktale Struktur von Funktionalitäten und Communities, die so vielfältig, so global und so intim sein können, wie die Rollen, in denen die Menschen sich bewegen.Das sprengt den "globalen" Rahmen nicht - es gibt ihm erst einen Inhalt. nach oben

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Schall und Rauch

Namen sind schall und Rauch? Nicht im Internet
Zugegeben - noch sind mehr als die Hälfte aller weltweit registrierten Internet-Domains auf die Endung .com eingetragen, nämlich über 3 Millionen Namen. Auch wenn die Adresse Müller&Schmidt.com heißt und die Firma in Leverkusen sitzt, tragen diese Adressen mit dazu bei, den Eindruck von der amerikanischen Dominanz des Netzes zu befestigen. Doch damit hat es bald ein Ende. Die neuen Adressen-Großmächte heißen Österreich und Tonga, aber auch Antigua kann sich Chancen ausrechnen, und das kommt so:

Österreich hört im Internet auf das Suffix „.at”, Tonga ist unter „.to” verbucht, und Antigua hört auf „.ag” - alles Endungen, mit denen man viel mehr anfangen kann als mit dem wenig flexiblen „.de” für Deutschland. Bei Domainnamen gilt die Regel: Es kann nur einen geben. Wer als Aktiengesellschaft für mueller.com zu spät wach wurde und auch mueller-ag.de oder mueller-ag.com verpaßt hat, findet jetzt eine letzte Chance: Virtuelle Auswanderung nach Antigua und Eintragung der Webpräsenz als mueller.ag. Allerdings muß man sich auch hier sehr eilen, der Andrang ist beträchtlich, und große Firmen wie die Dresdner Bank.AG, die BMW.AG und die Deutsche Telekom.AG haben sich diese Domains bereits gesichert, um sich vor Trittbrettfahrern zu schützen. Aber www.mueller.ag ist heute, 3.3.1999, noch frei.

Etwas anders liegen die Dinge im Falle Österreichs und Togos. „to” und „at” allein machen nicht viel her, aber als „www.come.to./shoppingmall” oder „www.learn.at/competence-center” sieht das schon ganz anders aus. Und das schönste dabei: Wer sich Domains wie come.to oder learn.at gesichert hat, kann hinter dem Schrägstrich soviel untervermieten, wie seine Technik bewältigt. Das kommt schon einiges zusammen, zumal die Inhaber der Domains in der Regel auch keinen Webspace anbieten, sondern nur den schönen Namen. Wer sich dort einwählt, wird sogleich auf einen anderen Server umgelenkt, vorzugsweise den, auf dem das angebot bereits zuvor unter einer umständlichen Adresse wie www.provider.net/members/home/competence ein wenig beachtetes Dasein fristete.

Auf diese Weise kommen schon ein paar ganz lustige Adressen zustande. Der „Renamer” www.rename.net z.B. hat so praktische Namen wie download.at/pabx und dine.at/cusine auf der Referenzenliste, er verfügt über insgesamt 28 Domaines auf .at, die sich dann mehr oder weniger glücklich mit den Bezeichnungen der Kunden-Sites verbinden lassen. Da kann www.come.to mit seinen 8 Domains kaum mithalten - aber www.fly.to, www.surf.to und www.travel.to, um nur die schönsten zu nennen, dürften im e-business schieres Gold wert sein. Namen sind Schall und Rauch? Von wegen! nach oben

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Richtig vertippt.

Was haben Wörter wie Mcrosoft, Simens oder Altavsta gemeinsam? Richtig - Es sind Namen, die in der Computerwelt eine große Rolle spielen, bloß daß irgendwo ein Buchstabe fehlt. Die zweite Gemeinsamkeit zeigt sich, wenn man einen dieser falsch geschriebenen Namen als Internetadresse in der Form www.schreibfehler.com eintippt - dann landet man nämlich durchaus nicht irgendwo im digitalen Nirvana, sondern bei Leuten, die bloß darauf gewartet haben, daß Sie sich vertippen.

In einem Fall - etwa bei Eingabe von compuserver, adobi, altavsta und mcrosoft - wird man gleich locker begrüßt: „Hoppla, Sie haben sich vetippt, aber wir haben gar nichts mit denen zu tun, die Sie eigentlich besuchen wollten.” Und dann kommt Anzeige und Link für ein Unternehmen, das einen Terminkalender anbietet, den man auf dem Internet führt und folglich immer dabei hat, wo es Computer gibt. In einem anderen Fall - das gilt z.B. für die Eingabe von simens, macromdia oder compaque (ja, das ist für Amerikaner ein naheliegender Schreibfehler) landet man ohne weiteren Kommentar vor einem Webportal mit zahllosen kommerziellen Angeboten, dessen Betreiber sich ansonsten jede weitere Werbung zu ersparen scheint: Auf Tippfehler ist eben Verlass.

Ärgerlich oder spannend, je nachdem, wird es, wenn man unaufmerksam nescape oder netcape eingibt - dann landet man bei einem Pornoanbieter umgeleitet, der sein Schaufenster (es bietet nicht mehr als jeder Zeitungskiosk) auch noch so programmiert hat, daß gleich, wenn man das eine wegklickt, das nächste aufgerufen wird. Vielleicht um so etwas zu verhindern, hat Novell die möglichen Fehleingaben novll und novlel selbst belegt und auf eine Error-Seite umgeleitet - könnte man denken, bis man der Fehlermeldung näher nachgeht. Sie führt zu einem Server in Riga, der von der lettischen Firma Grandtotal Finances gemanaged wird, und man kann gespannt sein, wer hier demnächst seine Plakate aufstellt. Baustellenschilder finden sich auch bei compq.com, merzedes.de und anderswo - hier sprießen neue Märkte.

Nicht nur anonyme Companies sind dabei, den Tippfehler-Markt zu beackern: Auf der privaten Homepage von Frederik Astrom finden sich Werbebanner wie sonst nur bei den großen Namen des Netzes: Frederics Seite firmiert unter www.microsaft.com, der Inhaber dieser Seite heißt tatsächlich Frederik Astrom und hat eine studentische e-mail-Adresse. Sein deutscher Nachahmer Benedikt Fischer (www.microsaft.de) muß auf Werbebanner und Geldregen vorläufig noch warten. Statt dessen wird das Grummeln aus Redmond, wo nicht nur eines der größten, sondern auch der humorlosesten Softwarehäuser der Welt sitzt, ständig lauter. nach oben

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Kostenlos?

Ein Volk von Schnäppchenjägern sind wir geworden, und wenn es irgendwo irgendwas umsonst gibt, scheuen wir weder Mühe noch Kosten, um dabei zu sein. Kein Wunder, daß www.kostenlos.de eine der bestbesuchten deutschen Websites geworden ist: Hier findet man kommentierte Links auf Tausende von kostenlosen Angeboten im Internet, fein säuberlich eingeteilt in 10 Kategorien von Gewinnspiele bis Zeitungen.

Kostenlos ist freilich nur in den seltensten Fällen ganz umsonst. Wer an einem Gewinnspiel teilnimmt, zahlt mit seiner Adresse und muß damit rechnen, alsbald mit einer Flut mehr oder weniger erwünschter Werbemails eingedeckt zu werden. Wer einen kostenlosen Internetzugang wie den von Germany.net nutzt, findet seinen Weg ins Netz von einer ganzen Galerie Werbebanner umstellt. Die Software, die auf kostenlos.de angeboten wird, besteht größtenteils aus Testversionen, die nur begrenzte Zeit funktionieren - danach muß man sie kaufen. Nur der kleinere Teil dessen, was da so unerreicht günstig annociert wird, ist tatsächlich kostenlos - eine e-Mail-Adresse bei www.gmx.de etwa oder die beliebten Spikzettel von www.hausarbeiten.de.

In der letzten Zeit scheinen die „kostenlosen” Angebote von Geschäftemachern zuzunehmen, die mit dem Internetz auf Dummenfang gehen. Ein schönes Beispiel bietet der Betreiber von www.anime-manga.net, der seine Beute unter den Freunden der auch hierzulande beliebten japanischen Comic-Serien vom Typ Sailor-Moon sucht und findet. Wer eine Website über eine solche Comic-Serie gestaltet, darf sie kostenlos bei anime-manga ins Netz stellen - er muß nur ein Werbebanner aufnehmen. Und so schafft es anime-manga, ein umfangreiches und attraktives Angebot für Comic-Freunde aufzubauen und entsprechend Werbebanner zu verkaufen, ohne auch nur eine müde Mark für eigenen Inhalt auszugeben.

Noch eins drauf setzen neuerdings bekannte Dienste wie Geocities oder Tripod, die ihren Mitgliedern ebenfalls „kostenlosen” Webspace für ihre Homepages anbieten. Jetzt haben sie Nutzungsbedingungen vorgelegt, die ihnen sämtliche Nutzungs- und Verwertungsrechte an denen auf ihren Servern abgelegten Webseiten übertragen - einschließlich der Verbreitung über erst zukünftig erfundene Techniken. Wer hier mitmacht, muß also damit rechnen, daß seine Homepage ganz oder in Teilen demnächst in einem werbefreundlichen Umfeld auftaucht und dort gutes Geld verdient - für den großzügigen Anbieter des „kostenlosen” Webspace. nach oben

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Internet für alle

Eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür, e-Commerce an den Endkunden zu bringen, ist die Bereitstellung entsprechender Technik für jedermann und vor allem jedefrau. Allen Werbephrasen von Anwenderfreundlichkeit zum Trotz sind heutige PCs immer noch weit davon entfernt, so leicht bedienbar zu sein wie etwa ein PKW. Auch die Installation eines Internetanschlusses kann sich als ausgesprochen diffizil erweisen - nichts, was man jedem empfehlen kann, der kaum seinen PC zum Laufen bekomen hat.

Die Webindustrie versucht, diesem Mißstand auf zwei Wegen abzuhelfen, für die die Namen „Screenphone” und „Settop-Box” stehen. Beide haben gemeinsam, daß der ins Visier genommene Internet-Nutzer gar nicht mit Gerede von Computer und Internet behelligt wird. Hersteller Alcatel bietet ihm in dem einen Fall ein Komforttelefon, das mit einem ungewöhnlich großen Display ausgestattet ist, und mit dem er nicht nur telephonieren, sondern auch Bankgeschäfte erledigen oder Versandhauskataloge durchblättern kann. Nur wenn er damit auch e-Mail erledigen will, muß er sich für die Variante mit der ausfahrbaren Minitastatur entscheiden. Und daß das Display ein richtiger kleiner Flachbildschirm ist, mit dem er per Browser kreuz und quer durchs Internet surfen kann - nun, das gehört zu den Details, mit denen man ihn nicht behelligen muß, solange er nicht fragt. Das Screenphone wird derzeit in einem größeren Feldversuch in Frankreich erprobt, die europaweite Markteinführung wird für Mitte des Jahres erwartet.

Die Internet-Setopbox ist in den USA schon relativ weit verbreitet, in Europa haben auch hier die Franzosen die Nase vorn, diesmal vertreten durch den Hersteller Thomson. Aus der Sicht des Anwenders ist die Settop-Box eine Vorrichtung, die ihm das Internet (genauer gesagt nur einen Ausschnitt davon) als einen unter vielen Kanälen neben seinen anderen Fernsehprogrammen zugänglich macht. Bedienung erfolgt über die Fernbedienung, die mit ein wenig Umstand auch als Tastatur zu verwenden ist.

Beide Geräte werden vorkonfiguriert mit fester Einstellung auf einen Provider geliefert, so daß sie sofort Zugang ans Internet ermöglichen. Beim Screenphone kann sich die Konfiguration auch auf einer Chipkarte befinden, mit der man dann von jedem entsprechenden Gerät aus seinen individuellen Anschluß zur Verfügung hat. Das Vermarktungskonzept sieht vor, daß interessierte Anbieter von Online-Leistungen wie z.B. Banken oder große Kaufhäuser einen Teil der Anschaffungskosten oder der monatlichen Zugangsgebühren übernehmen, um ihren Kunden so den Zugang zum Internet nicht nur technisch, sondern auch finanziell zu erleichtern. nach oben

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ThirdVoice

Tim Barners Lee, maßgeblich an der Entwicklung der technischen Grundlagen des WorldWideWeb beteiligt und deshalb manchmal sogar als „Erfinder des Internet” bezeichnet, ist unzufrieden mit dem Stand der Dinge: „Zuviel Kommerz und zuwenig Kommunikation” sind die Hauptpunkte seiner Kritik.

Beides hängt eng zusammen. Ohne die massive Kommerzialisierung des Netzes hätte das WWW nie zu dem massenhaft genutzten Medium werden können, das es heute ist: Mehr als 10 Millionen Bundesbürger nutzen mehr oder weniger regelmäßig einen Zugang ins Netz. Doch für die Wissenschaftler, für deren Kommunikation das WWW ursprünglich entwickelt wurde, hat dieser Massenauftrieb vor allem negative Begleiterscheinungen. Sie klagen über verstopfte Leitungen und bedauern, daß die Öffnung des Netzes für Jedermann vielfältige Sicherheitsvorkehrungen erfordert, die sich praktisch als Kommunikationshindernisse auswirken. Und anderswo stehen die Zeichen erst recht mehr auf Konsum als auf Kommunikation.

Dabei sahen die ersten Browser - das sind die Programme, mit denen man durch das Informationsangebot der Homepages im WWW „brausen” kann - noch vor, daß Besucher die Dokumente nicht nur lesen, sondern auch mit eigenen Anmerkungen versehen konnten. So sollte, das war die Absicht, ein umfassender und weltweiter Gedankenaustausch ermöglicht werden. Das war schon Anfang der 90er Jahre, als das WWW ausgebaut wurde, ziemlich utopisch. Die meisten Anbieter von Informationen im WWW sperren ihre Seiten aus guten Gründen für jeden fremden Schreibzugriff, heutige Browser sehen diese Funktion garnicht mehr vor. Hauptmittel des Meinungsaustausches sind heute Mailinglisten, automatische Verteilsysteme für e-Mail in geschlossenen Benutzergruppen. Auf kommerziellen und privaten Homepages geben allenfalls noch Gästebüchern den Besuchern eine Möglichkeit, sich selbst zu Wort zu melden.

Das soll jetzt aber gründlich anders werden. Seit ein paar Wochen ist die Internet-Scene in heller Aufregung wegen Third Voice - das ist ein kleines Zusatzprogramm, mit dem jeder - so sieht es zumindest aus - Anmerkungen auf jede beliebige Internet-Seite schreiben kann, die jeder andere Anwender von Third Voice lesen kann. Detailinformationen und die Software selbst gibt es auf www.thirdvoive.com.

Natürlich kann auch Third Voice den Zugriffsschutz auf den Webservern von ADAC bis zahnrad.de nicht außer Kraft setzen. Die Notizen, die jemand scheinbar auf eine fremde Seite schreibt, werden in Wirklichkeit nicht dort, sondern auf einem Rechner von Third Voice abgelegt, und jedesmal, wenn ein Third-Voice-Anwender auf Surftour geht, sorgen schnelle Suchmaschinen im Hintergrund dafür, daß er zu jeder besuchten Website auch die dazu abgelegten Kommentare auf seinem Bildschirm zu sehen bekommt.

Das klingt genial, zumindest auf den ersten Blick. Beim zweiten Blick melden sich Zweifel an der technischen Tragfähigkeit des Konzeptes. Solange Third Voice nur von wenigen Anwendern genutzt wird, mag es funktionieren. Wenn die Zahl wächst, ist schwer vorstellbar, wie der Anbieter die Serverleistung und Verbindungsgüte bereitstellen will, die nun einmal erforderlich wäre, um die Anmerkungen jeweils zur rechten Zeit an die Leser einer Seite zu bringen. Ob das System alle bedienen kann, die sich damit versuchen wollen, wird sich wohl schon in diesen Wochen herausstellen.

Es gibt aber nicht nur technische Probleme. Web-Surfer sind keine besseren Menschen als andere, und viele wissen mit einer irgendwo gebotenen Möglichkeit, selbst etwas ins Web zu schreiben, nicht mehr anzufangen, als ihrer Dummheit oder Unverschämtheit freien Lauf zu lassen. Viele Gästebücher wurden schon geschlossen, weil die Besucher unflätige Sprüche von sich gaben oder Werbung für Porno-Sites und Hakenkreuz-Server machten. Erste Erfahrung mit Third Voice deuten daraufhin, daß die neue Technik zusätzliche Anziehungskraft auf aggressive Weltverbesserer ausübt. Vegetarier von der strengsten Sorte beschimpfen dann die Besucher der Websites von Wurstfabriken oder Schuhherstellern, Politsektierer plazieren langatmige Manifeste bei ihren Lieblingsfeinden, und die Freunde der politischen Korrektheit legen Sonderschichten ein, um jedes Anzeichen von Sexismus, Rassismus, Ageismus und was sie dafür halten anzuprangern.

Die Technik, die ein Mittel zur Verbesserung von Kommunikation bieten könnte, erhöht dann bloß den allgemeinen Geräuschpegel, alles schreit durcheinander, keiner hört mehr zu. Und bei Third Voice häufen sich die Beschwerden oder auch handfeste Drohungen, die Rechtsanwälte in Gang zu setzen, wenn bestimmte Anmerkungen nicht umgehend wieder aus dem Netz genommen werden. Auch hier wird sich wohl innerhalb weniger Wochen herausstellen, ob die soziale Kompetenz der Webcommunity ausreicht, das neue Verfahren sinnvoll zu nutzen, oder ob die Drei-Mann-Firma ebenso schnell wieder von der Szene verschwindet, wie sie aufgetaucht war. nach oben

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Kinder im Netz

Mag ja sein, dass Boris Becker total überrascht ist, wenn sein Computer ihn ins Internet bringt: "Ich bin drin! Ich bin wirklich drin!" Kids ab acht, neun Jahren sind eher überrascht und leicht sauer, wenn der ihnen überlassene Pentium der ersten Generation sie nicht ins Netz bringt. Die Altersangabe beruht auf persönlicher Erfahrung: Die Tochter (neun) hat es geschafft, den Vater zwecks Verlängerung der Telefonleitung ein Loch durch die Wand bohren und dem Altrechner eine ISDN-Karte spendieren zu lassen.

Nun hat die Kleine ein Problem, zu dem Boris noch gar nicht vorgedrungen zu sein scheint: Wenn man erst mal "drin" ist - was macht man da? Klar, auf dem Schulhof werden Adressen getauscht, die ganze Konsummeile rauf und runter: Auf www. salamander.de sammelt Lurchi (der muss inzwischen schon über 50 sein) seine Fans um sich. Auf www.kellogs.de/kids/index.htm gibt's ein Spiele-Center, vor dem Aufruf von ww.whiskas.de muss man unbedingt die Lautsprecher anstellen, sonst verpasst man das Beste.

Als nächste Surfziele gibt es dann die großen Entertainment-Produzenten, an erster Stelle natürlich www.disney.de mit Mickey (70). Und dann www.ehapa.de mit dem gerade erst 40-jährigen Asterix. Beliebte Anlaufziele sind auch die Netzangebote der Fernsehanstalten (Spitzenreiter: www.wdrmaus.de) und aktuelle Sites wie www.starwars.com - selbst wenn es die nur in Englisch gibt. Links auf englischsprachige Seiten scheinen übrigens die Motivation zum Englisch lernen eindeutig positiv zu beeinflussen.


Aber eher früher als später kommt dann der Tag, an dem die Kids den "Kinderkram" satt haben und sich den Adressen widmen, die sonst noch so auf dem Schulhof gehandelt werden. Für die Eltern Grund zu einiger Beunruhigung und für die Software-Industrie Anlass zur Entwicklung spezieller Programme, die den Zugriff auf zweifelhafte Angebote verhindern sollen.

Nun ja, mit den verschlossenen Türen ist das so eine Sache. Oft stacheln sie die Neugier und die Suche nach dem versteckten Schlüssel erst so richtig an. Einen ganz anderen Weg zeigt da www.blindekuh.de - die erste Suchmaschine für Kinder. Die blinde-kuh verschließt keine Türen, sondern eröffnet den Zugang zu einer enormen Anzahl vergnüglicher, lehrreicher,
unterhaltsamer, spannender Angebote. Das sind so viele, und sie werden so abwechslungsreich präsentiert, dass Kinder länger surfen können, als Augenarzt und Telefonrechnung erlauben, bevor der Fundus auch nur zu einem Bruchteil ausgeschöpft ist. Unaufdringlich kontrollierte Chat-Rooms und die sehr beherzigenswerten Regeln der CIA (worum die sich auch alles kümmern!) für das Verhalten von Kindern im Netz verstärken den guten Eindruck.

Für Kinder und Eltern sehr empfehlenswert. Für Boris sicher auch. nach oben

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Deep Links

Wieviele Knoten kann man wohl aus einem Netz lösen, ohne es zu zerreißen? Einen Großversuch zur Beantwortung dieser Frage haben amerikanische Internetunternehmen gestartet, die es nicht länger hinnehmen wollen, daß Konkurrenten oder Dienstleister das eigene, noch schmale Sortiment durch Links zum Angebot des Konkurrenten aufwerten.

Daß derlei überhaupt möglich ist - im traditionellen Handel verschweigt man lieber, daß der Laden gegenüber mehr Auswahl bietet - gehört zu den Besonderheiten des e-Commerce: Noch kommt es weniger darauf an, wo Umsatz gemacht wird, als darauf, über welche Seiten der "traffic" der Besucher läuft und wieviele Werbebanner dort aufgestellt und verkauft werden können. Und aus dem gleichen Grund stört es denn auch Anbieter wie etwa www.ticketmaster.com, wenn ein weniger etablierter Verkäufer von Eintrittskarten seine Kundschaft mangels Masse per "deep link" ins Warenlager des großen Konkurrenten schickt - quasi durch die Hintertür und unter Umgehung der Reklametafeln.

Zur Not kann man dann sogar auf das eigene Geschäft ganz verzichten: auctionwatch.com bietet seine Dienste als Suchmaschine, die das Angebot mehrere Online-Versteigerer im Auge hält und einen gleich an das Ziel seiner Wünsche bringt - wieder vorbei an allen Werbetafeln.

Nun könnte man sich auf technischem Wege weitgehend gegen dieses zugegebenermaßen etwas parasitäre Geschäftsmodell schützen. Etwa indem man Seitenaufrufe, die von bestimmten Adressen ausgehen, schlichtweg blockiert oder die eigenen Seiten trickreich so in einen "Umschlag" packt, daß der Aufrufer zum Haupteingang umgeleitet wird. Aber nein, wofür gibt es denn Rechtsanwälte, und so haben sowohl Ticketmaster als auch das Auktionshaus ebay.com die Gerichte angerufen, um den ungeladenen Geschäftspartnern "tiefe Links" auf ihre Websites verbieten zu lassen.

Kaum auszudenken, wohin das führen könnte, wenn sie damit durchkommen. Das Net lebt von den Links - sie sind die Knoten, die alles zusammenhalten. Wenn Links genehmigungs- oder gar lizenzpflichtig würden, wie einige Rechtsanwälte fordern - das Web zerfiele in tausend Einzelstücke. Und die Suchmaschinen, ohne die längst gar nichts mehr geht, wären die ersten Opfer.

So stellen sich die Kommerzstrategen das also vor: Keine Ahnung haben, wie das Netz funktioniert - aber ihm ihre Regeln aufzwingen wollen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Auch der e-Commerz muß sich den Regeln des Netzes anpassen, wenn er seine Grundlage nicht kaputtmachen will. Wer geldeswerte Inhalte ins Netz stellt, hat viele Möglichkeiten, sie zu schützen - wie sie dann gefunden werden, ist sein (lösbares) Problem. Aber wer ins öffentliche Netz geht, muß damit leben, daß er "gelinkt" wird - sonst zerreißt das Gewebe. nach oben

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